Testbericht: Syndicate

Im September 2011 hatte EA erstmals die Gerüchte um die Entwicklung eines Nachfolgers von Syndicate Wars bestätigt. Was gab es damals für einen Tumult um die Wiedergeburt eines Klassikers, neu aber im Ego-Shooter Gewand. Heerscharen von Fans empörten sich über die Umwandlung des beliebten Strategietitels in einen öden Shooter. Inzwischen wurde das Game fertig gestellt und am 24. Februar der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Haben sich EA und Entwickler Starbreeze am Ende für das richtige Genre entschieden?

Schon wieder ein Shooter

Als erster Kritikpunkt bei einem Ego-Shooter wird meist die Handlung genannt. Wer braucht schon einen plausiblen Rahmen und ein paar Runden zu zocken? Und meist ist der Ausflug ins Ego-Shooter Genre im Singleplayer von so kurzer Dauer, dass eine fehlende (oder plausible) Story nicht unbedingt bemerkt wird. Leider erfüllt Syndicate hier die scheinbar unumstössliche Shooter-Regeln vollumfänglich. Das Game entfaltet bis ca. in der Mitte eine wunderbare Story um Megakonzerne und deren Krieg um die globale Weltherrschaft im Jahre 2069, massenhaft Implantate im Körper und um Agenten, die von den drei grossen Syndikaten zu unmoralischen Zwecken eingesetzt werden. Der Spieler verkörpert einen solchen Agenten. Agent Kilo (ja, der heisst wirklich so, keine Witze über Gewichte bitte) arbeitet für das Syndikat Eurocorp und darf als Träger der neusten Chip-Technologie munter die Laborratte spielen. Danach sack die Erzählweise leider ab und Starbreeze verpasst die Möglichkeit, das Potential von unserem stummen Antihelden wirklich auszunutzen. Stattdessen wird eine Standard-Story abgespuhlt und am Schluss bleibt das schwache Gefühl von verschwendeter Gamer-Zeit übrig. Die Story würde viele gute Ansätze bieten, auch hätte die Spielzeit dadurch im ein vielfaches verlängert werden können. Naja, wahrscheinlich hat der böse Megakonzern EA den kleinen Publisher mit der Deadline so stark unter Druck gesetzt, dass die Story auf drei A4 Seiten passen musste. Oder es wurde absichtlich Platz für DLC geschaffen. Ein Schelm, wer böses denkt…

Schau, ich bin in der trostlosen Zukunft

Die Grafik wiederum ist hübsch gemacht, auch wenn die Zukunft im Jahre 2069 extrem farblos daherkommt. Dennoch passt sie zur allgemeinen Stimmung und zeigt die vorherrschende Trostlosigkeit. Die Bevölkerung wird tyrannisiert von den Megakonzernen, die glücklichen 1% mit den Implantaten leben im Wohlstand und die restliche Bevölkerung wird als entbehrlich betrachtet. Die minimalistische Grafik fängt diese Stimmung gut ein, und lässt auch in kleinen Dinge die Liebe zum Detail erkennen. Sehr gut gelungen sind die Gesichtsanimationen und Lippenbewegegungen. Auch wenn manchmal Bugs die Lippenbewegungen verschwinden lassen, so macht die Grafik-Engine dennoch einen soliden Eindruck. Wenn wir schon bei den Lippenbewegungen sind, so darf ruhig erwähnt werden, dass sich Starbreeze bei der Vertonung besonders Mühe gegeben hat. Die Sprecher wurden passend ausgewählt und auch die allgemeine Soundkulisse passt gut zum neuen Syndicate. Die Entwickler haben sogar Rücksicht auf die Umgebung genommen. Das Gewehrfeuer hört sich nicht in jeder Umgebung gleich an, bei engen Räumen tönt es eher hohl, bei weiten Flächen distanziert sich der Ton mehr und trägt in die Weite. Herrlich, so macht es gleich doppelt Spass die Shotgun abzufeuern.

Ein Schritt vor, hacken, und zurück

Ein wichtiges Gameplay-Element in Syndicate ist die Möglichkeit des Hackens. Kilo hat sich dank Gehirnimplantat einige nützliche Fähigkeiten angeeignet. Diese Fähigkeiten können je nach verfügbarer Energie eingesetzt werden. Es stehen entweder „Suizid“, „Fehlfeuer“ und „Überzeugung“ zur Auswahl. Die Fähigkeiten werden erst im späteren Storyverlauf zusammen eingesetzt werden können, das Game geht aber mit der Einführung von neuen Funktionen vorbildlich um. Für jede neue Fähigkeit wird ein kleines Tutorial dazwischen geschaltet. „Suizid“ übermittelt dem armen Opfer den dringenden Wunsch sich und seine umstehenden Gegnerkollegen ins digitale Nirvana zu blasen und „Fehlfeuer“ führt zu einer kleinen Explosion der Waffe (auf zwei oder drei Personen beschränkt) die ein wenig Zeit verschafft und zur erhöhten Verwundbarkeit des Waffenträgers führt. Schlussendlich bleibt noch die nützlichste Fähigkeit „Überzeugung“. Diese erschafft aus einem Gegner einen Verbündeten, der sich mit Freuden für den Spieler einsetzt und auf alles schiesst, was Kilo gefährlich werden könnte. Am Ende seines Einsatzes wählt auch er den Freitod als einzige Möglichkeit aus.

Da Kilo in den meisten Situationen dem Gegner in der Anzahl Personen und auch der Ausrüstung haushoch unterlegen ist, ist der strategische Einsatz seiner Fähigkeiten die einzige Möglichkeit das Game zu meistern (der einfache Schwierigkeitsgrad einmal ausgenommen). Weiter kann er sich noch in den DART-Modus versetzen, eine nützliche Anzeige die einmal gesichtete Gegner anzeigt auch wenn diese hinter Deckung sind, und die Gegner gleichzeitig verlangsamt. In diesem Slowmotion-Modus kann Kilo mehr Treffer einstecken und seine Waffe teilt mehr Schaden aus. Leider ist auch der DART-Modus nur in begrenztem Rahmen einsetzbar und muss sich nach Verbrauch wieder aufladen.

Bitte denken

Dieser erzwungene Einsatz der Hackfähigkeiten erschafft aus dem plumpen Shooter Syndicate einen Shooter mit strategischem Vorgehen. Wie schon erwähnt stehen nicht selten zehn Gegner gegen den armen Kilo, alle bis an die Zähne bewaffnet und sehr treffsicher. Deckung nutzen, Hackfähigkeiten gezielt einsetzen und den DART-Modus nicht vergessen, ansonsten stirbt Kilo den vorzeitigen Agententod öfter als es dem Gamer lieb ist. Wer aber diese Elemente gut beherrscht, wird sich über die alternativen Lösungswege freuen. Durch die räumliche Begrenzung der Schlauchlevels und die eingeschränke Munitionsanzahl wird es auch für geübte Shooter-Fans eine kleine Herausforderung werden. Im höchsten Schwierigkeitsgrad sind die Gegner äusserst zäh, nicht selten muss ein Levelabschnitt wiederholt werden. Da aber die Gegner immer das gleiche Vorgehen abspuhlen und das KI-Verhalten deshalb vorhersehbar ist, eignet sich das Game wunderbar um die verschiedenste Lösungen zu testen. Spätestens bei den Bossgegnern muss eine Taktik ausgetüfelt werden, diese Kerle (und auch Damen) sind äusserst zäh und mit vielen kleinen Hilfsmitteln gesegnet.

Vier Fäuste für Eurocorp

Der Co-Op Modus spiegelt eigentlich das ursprüngliche Syndicate Wars wieder. Vier Spieler kämpfen sich gemeinsam durch Missionen die auf der ganzen Welt verstreut liegen. In diesem Co-Op wird die Zusammenarbeit wirklich gross geschrieben, Einzelgänger und einsame Wölfe werden ohne das ganze Team nicht weiterkommen. Die Bedingungen für erfolgreiche Missionen sind vollumfänglich auf Teamplay ausgerichtet, sobald ein Mitglied des Teams am Boden liegt flimmert auch schon der Neustart der Mission über den Fernseher. Selbst mich als konsequenten Multiplayer-Muffel konnte der Co-Op überzeugen. Es hat wirklich Spass gemacht und über eine erfüllte Mission konnte man sich dementsprechend freuen. Die Mission in Westeuropa konnte bereits im Co-Op Demo angespielt werden. In der Vollversion ist sie natürlich umfangreicher, der fetter General am Schluss bleibt aber derselbe. Sein Schutzschild leider auch. So muss das Team mit Köpfchen an der Problemlösung arbeiten um diesen Brocken zu Fall zu bringen. Levelaufstieg, Ausrüstungsmöglichkeiten etc. sind natürlich auch vorhanden. Der Co-Op bildet somit eine gelungene Ergänzung zum Singleplayer. Anfängern sei aber geraten, sich zuerst in der Kampage mit den verschiedenen Funktionen der Hackfähigkeit auseinander zu setzen. Der Co-Op ist nicht auf Neulinge ausgerichtet die zuerst jede Fähigkeit langsam austesten möchten.

Fazit

Syndicate ist nun ein Ego-Shooter, die Fans müssen sich wohl oder übel damit abfinden. Es ist sogar ein recht passabler Shooter geworden mit ein paar kleinen Schwächen. Am meisten stört mich, dass die Entwickler das Story-Potential verschenkt haben. Das Durchspielen hat dennoch Spass gemacht, für weitere herausfordernde Stunden steht noch der Co-Op zur Verfügung. Starbreeze hat gezeigt, dass sie durchaus einen weiteren guten Shooter entwickeln können.

Über Bruno Rivas

Gründer von PS3Blog.ch. Seit Jahren begeisterter und leidenschaftlicher Gamer. Spielt vorwiegend Sport-, Racing- und Shooter-Games. Du findest mich auch auf Google+, Facebook und Twitter

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