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Testbericht: White Knight Chronicles 2

Level 5 lädt zur Fortsetzung ihrer Chroniken des weissen Ritters ein. Gerade knapp ein Jahr ist vergangen und schon streift der ambitionierte Rollenspieler wieder in der Welt von Leonard und seinen Freunden umher. Der erste Teil wurde in Europa erst am 26.02.2010 veröffentlicht, eine wahrlich kurze Entwicklungszeit für einen Nachfolger. Und es befindet sich bereits der dritte Teil in Arbeit da es sich bei den Chroniken um eine Trilogie handelt.

Gefangen in der Mitte

Eine gute Story bietet immer drei entscheidende Elemente. Einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss. Der Anfang dient der Einführung der Charaktere, der Welt und deren Gegebenheiten, in der Mitte ist die Kacke langsam am Dampfen und die Geschichte nimmt langsam an Fahrt auf. Am Schluss wird die Story durch ein Finale beendet das sich gewaschen hat und Superlativen sprengen kann.

Zugleich offenbart sich aber die grösste Stolperfalle überhaupt. Was wäre, wenn der geschätzte Spieler (oder der arme Tester) den ersten Teil nie gespielt hat und direkt mit Teil zwei einsteigt? Nun, hier ist die gute und die schlechte Nachricht.

Zuerst die schlechte Nachricht. Level 5 haben es komplett verschlafen Einsteigern eine Chance auf eine sinnvolle Story zu geben. Am Anfang des Games wird gnädigerweise der erste Teil in einem kurzen Filmchen zusammengefasst. Dann erfolgt auch schon der Direkteinstieg in die Fantasy-Geschichte. Der Hintergrund der Charaktere bleibt aber im Dunkeln, auch die Geschichte ergibt streckenweise keinen Sinn, wenn der erste Teil nicht gespielt wurde. So irrte ich anfangs planlos umher, die Hoffnung bereits aufgeben mir die verschiedenen Figuren und Geschichten merken zu können. Wie hiess der Herzog von Faria noch gleich? Nun ja…

Nun zur guten Nachricht, denn es es gibt eine Möglichkeit die ganze Geschichte zu erleben! Level 5 hat den ersten Teil gleich mit auf die Disc gepackt. Wer also rund 60 Stunden, je ca. 30 pro Game, in einer Fantasywelt investieren möchte, der wird sicher mit dem ersten Teil beginnen und die Story so richtig entfalten lassen. Alle anderen starten wie ich direkt den zweiten Teil und sind in den ersten Stunden eher hochgradig verwirrt als so richtig in die Spielewelt einzutauchen. Schade eigentlich, obwohl die Story doch eher leichte Klischee-Kost bietet, haben sich die Entwickler doch was Nettes ausgedacht. Länder liegen im Krieg, ein Oberbösewicht will das alte yshrenische (nein, das ist kein Schreibfehler) Königreich wieder auferstehen lassen und die Heldentruppe versucht das selbstverständlich zu verhindern.

Nebendarsteller sterben immer zuerst

Bevor überhaupt etwas in der Charaktererstellung angepasst werden kann, informiert ein nettes Pop-Up dass im Online-Store kostenpflichtig weitere Individualisierungs-Gegenstände gekauft werden können. Ich weiss noch nicht einmal wie mein Charakter aussieht, kann aber bereits eine neue Frisur kaufen. Ist ja suprig. Level 5, für das nächste Game das Pop-Up bitte sehr diskret verstecken und nicht gleich ganze Horden von Spieler mit DLC verschrecken. Danke.

Die Charaktererstellung (mit den Standard-Frisuren) erfolgt wie in Rollenspielen üblich. Die Haare, Augen, Nase, Mund, Ohren usw. können nach Belieben angepasst und eingefärbt werden. Bevor ihr jedoch jetzt enthusiastisch an die Erstellung eures virtuellen Helden geht, lest bitte zuerst weiter. Ich möchte dann keine Tränen in den Augen oder hängende Köpfe sehen.

Rollenspieler sind es gewohnt einen Held zu kreieren und diesen das ganze Spiel über zu spielen. Nicht so in „White Knight Chronicles (1 & 2)“. Der virtuell erstellte Recke ist nur ein Side-Kick des Helden und hätte, wenn es keinen Multiplayer geben würde, auch gleich weggelassen werden können. Die eigentlichen Helden sind die Figuren aus dem ersten Teil, allen voran der Knabe Leonard (Lenard ausgesprochen) mit seiner Rüstung und der Fähigkeit, sich in den weissen Ritter zu verwandeln.

Euer Würmchen steht also immer im Hintergrund und muss tatenlos zusehen, wie die Hauptcharaktere die in-den-Monsterars**-tretende-Ritter auspacken und auf riesige Spinnen, Geister, Drachen etc. einprügeln. Natürlich ist die erstellte Figur spielbar, der stumme Held Widerwillen kann sogar als Anführer der Gruppe für das ganze Game eingesetzt werden. Kommen dann aber die verwandelbaren Ritter zum Zug, so hat er das Nachsehen. Die Entwickler haben den erstellbaren Charakter eigentlich nur für den Multiplayer-Part integriert, dort seid ihr natürlich nur mit eurem individuellen Monsterhacker unterwegs. Für das Solo-Game hätte man die Charaktererstellungsfunktion aber auch auslassen können. Wer jetzt immer noch Stunden in das Aussehen seines Charakters stecken will, bitte sehr. Sagt aber nicht ich hätte euch nicht gewarnt. Allen anderen empfehle ich den Random-Button, die Figur kann später noch angepasst werden (mit den neuen Haare natürlich).

Alle Charaktere werden in einem leicht knuffigen Anime-Look dargestellt. Blutfontänen und literweise verschmierte Berserker wie in Dragon Age werdet ihr in „White Knight Chronicles 2“ nicht finden. Eigentlich spritzt überhaupt kein Blut. Egal, es geht auch ohne den Lebenssaft. Ein Pluspunkt ist sicherlich die Darstellung sämtlicher Rüstungs- und Waffenteile. Egal was ihr den Figuren anzieht (auch wenn es nichts ist), es wird detailgetreu dargestellt, selbst in den Cutszenen.

Ja Himmel nochmal, wo ist das Tutorial?

Die Bewegungssteuerung geht gut von der Hand, ist ja auch nicht schwer die virtuellen Figuren von A nach B zu bewegen. Dank dem hervorragenden Tutorial ist die komplexe Kämpferei aber schnell gelernt. Tutorial? Ach nein, das gibt es hier leider nicht. Bei der Einführung in die Kampfsteuerung hat sich Level 5 selbst ins Bein geschossen. Ohne übliches Tutorial werden wird bereits auf die ersten Gegnerhorden losgelassen. Die Kämpfe laufen in Echtzeit ab, jedoch hat jede Aktion die ausgeführt wird eine kurze Abklingzeit. Die Aktionen für eure muntere Truppe müssen auf verschiedene Befehlssätze aufgeteilt werden. Während des Kampfes können nur Aktionen in diesen Sätzen verwendet werden. Es ist also vor der Rumbalgerei zu überlegen was benötigt wird und was nicht. Dafür wird nicht ganz so streng nach Klassen unterschieden. Alle Charaktere können Waffen führen und zeitgleich Zauber erlernen (Heil- und Angriffszauber). Nur der selbsterstellte Kämpfer kann in jeder Klasse Fertigkeitspunkte verteilen, alle anderen haben gewisse Einschränkungen. Hört sich kompliziert an? Ich weiss…

Level 5 hat zusätzlich noch eine Hilfefunktion eingebaut, ein virtuelles Handbuch sozusagen. Dort können die Steuerungs- und Kampfelemente nachgelesen werden. Das wäre aber auch schon alles. Eine kleine Übungsrunde hätte gut getan, besonders wenn der erste Teil nie gespielt wurde. So habt Erbarmen mit den Frischlingen (und Testern).

Was wahrscheinlich nicht komplizierter hätte eingebaut werden können, ist die Inventarfunktion. Besonders das Ausrüsten der Figuren möchte ich in den Vordergrund rücken. Dafür muss ich Level 5 schon fast ein Kränzchen winden, ich habe selten eine so unsinnig komplizierte Ausrüstungsverwaltung gesehen. Die Kämpfer können nur ausrüsten was in ihrem persönlichen Inventar ist (zusätzlich hat es noch ein Gegenstandslager). Dazu muss jedes Schwert, und sei es auch nur ein Zahnstocher, in das Inventar desjenigen transferiert werden, der es ausrüsten will. Das geht natürlich nur an Speicherpunkten. Erst dann kann in dreizehneinhalb Schritten verglichen werden, ob der Zahnstocher nun bessere oder schlechtere Werte hat als der bereits ausgerüstete. Er hat schlechtere? Blöd, dann wieder an den Speicherpunkt und zurück ins Gegenstandslager. Er hat bessere? Yay, sofort ausrüsten und den alten Zahnstocher ins Gegenstandslager. Und so geht es mit jeder Rüstung weiter, bis hin zu den farbigen Socken. Ah nee, doch keine Socken.

Kauf ich aber einen neuen Zahnstocher beim Schmied meines Vertrauens, so werden dessen Werte im Vergleich ohne Probleme für die ganze Gruppe angezeigt. Wow, es würde also doch gehen. Für den dritten Teil wünsche ich mir von der Zahnfee ein einfacheres Inventar mit sinnvolleren Funktionen und Vergleichsmöglichkeiten. Das kann doch wohl nicht so schwer sein.

Helden braucht das Land

Damit auf dem Heldenausflug keine Langeweile mit den Hauptquests aufkommt, hat sich Level 5 genug Abwechslung für ein spannendes Heldenleben einfallen lassen. Es können Nebenquests gekauft (ja richtig, es regiert der schnöde Mammon) und absolviert werden, Kopfgelder dürfen erjagt und Botengänge ausgeführt werden. All diese netten Abwechslungen bringen Geld, Items und Erfahrung für die Figuren und des Gamers Gilde mit. Die Spielwelt ist mehr oder weniger frei bereisbar, jedoch werden gewisse Gebiete erst nach Story-Relevanz freigeschaltet. Sämtliche Gebiete können immer wieder besucht werden. Die Weltkarte beinhaltet nur die Gebietspunkte, es müssen keine mühseligen Reisen zwischen den Levels absolviert werden. Die eigentlichen Levels sind ziemlich gross ausgefallen und lassen sich frei erkunden.

Die Nebenquests können überraschenderweise ziemlich vielfältig sein. Ob eine Höhle mit mehreren Stockwerken oder ein komplizierter Palast mit Teleportern, es wird Spannung im Heldenalltag geboten. Leider lässt sich nicht darüber hinwegtäuschen dass die meisten Nebenquests dennoch simple Töte-das-Monstervieh Quest sind, die Erzählweise machen sie aber abwechslungsreicher (und erträglicher). Die Nebenquests sollten sich auch nicht auf die leichte Schulter nehmen lassen, denn sie alle haben Siegesvorgaben die es einzuhalten gilt. In den meisten Fällen bestehen die Siegesvorgaben aus dem Einhalten der Zeit und dem Überleben des Boss-Kampfes. Es kann aber auch das Überleben eines NPC als Bedingung eingefügt werden, je nach Quest natürlich. Am Ende jeder Nebenquest wird das Abenteuer ausgewertet und einen Rang vergeben. Im Quest total versagt? Kein Problem, alle sind beliebig wiederholbar.

Unverständlich finde ich jedoch das Niveau der Nebequests. Die meisten sind zu Beginn des Spiels für einen tiefen Level der Charaktere ausgelegt. So finden sich meist Nebenquests mit empfohlener Stufe 6+, 11+ oder 16+ die es zu absolvieren gilt. Der direkte Einstieg in „White Knight Chronicles 2“ beschert dem Gamer jedoch den Anfangslevel 35. Die Monster halten nicht einmal einen halben Schlag der Helden aus. Unterfordert in der One-Hit-Monsterklopperei? Total. Der Schwierigkeitsgrad hätte ruhig etwas angezogen werden können, auch die Hauptquests sind nicht extrem schwierig zu meistern.

Fünf Freunde für ein Quest

Wer nicht alleine die Nebenquests absolvieren möchte, dem bietet Level 5 einen Online-Modus mit bis zu sechs Spielern an. Über das sogenannte Geo-Net können sich Gamer auf der ganzen Welt (Nordamerikaner werden sich mit Europäern die gleichen Server teilen) gemeinsam auf die Jagd machen. Eine witzige Funktion ist die Erstellung der eigenen Stadt. Bei genügend Gold, Ressourcen und Geduld kann so eine kleine Stadt entstehen mit Bewohnern, die im Hauptspiel rekrutiert werden müssen. In einer x-beliebigen Stadt eines Spielers treffen sich dann die Online-Gamer und können sich für Quests am Anschlagbrett anmelden. Es darf natürlich auch gechattet oder mittels Emotes kommuniziert werden.

Die eigene Stadt hat noch einen weiteren Nutzen. Die Stadtbewohner und die Umgebung sind Sammelplatz für Items und Verkaufsläden. So kann nicht nur eingekauft, sondern auch anderen Spielern die eigenen Items zum Verkauf angeboten werden. Eine nette Funktion, ich hoffe sie wird rege genutzt. Ein Hoch auf die freie Marktwirtschaft.

Der Schwerpunkt lag woanders

Grafisch liegt „White Knight Chronicles 2“ im guten Mittelfeld. Die Umgebung ist abwechslungsreich und detailiert dargestellt, doch leider finden sich an einigen Stellen matschige und sich wiederholende Texturen oder Fehler im Bildaufbau wieder. Dafür erfolgt der Abschnittswechsel ohne nervige Ladezeiten. Egal oder Verkaufsladen oder neuer Abschnitt im Level, der Übergang wird fliessend und ohne Unterbrechung dargestellt. Viel Mühe haben sich die Entwickler mit den Hintergründen geben. Die Panoramaansichten laden nicht selten zum Verweilen ein und überzeugen durch schlichte Schönheit. Dank der eingebauten Kamera dürfen Ingame-Fotos geknippst und online ausgestellt werden.

Die NPC’s sind aufgeweckt unterwegs und sehr gesellig, die meisten können angesprochen werden und geben eine Geschichte zum Besten. Die Bewegungsanimation der Hauptfigur hat mich besonders überzeugt. Sie wird fliessend und ohne unnötige Bewegungen oder sonstigen abstrakten Animationen dargestellt. Schliesslich muss ich über 30 Stunden auf denselben Hintern gucken, da darf eine geschmeidige Animation erwartet werden.

Ich höre Stimmen

Die Sprachausgabe der Hauptfiguren ist komplett vertont und wird in klarem Englisch mit Lippenbewegungen abgespielt. Mit Deutschen oder weiteren Sprachen als Untertitel wird sichergestellt, dass auch die in den Genuss der Story kommen, die der Englischen Sprache nicht so mächtig sind. Die musikalische Unterhaltung bewegt sich auf gutem Niveau, die Hintergrundmusik ist der Umgebung oder den Kämpfen angepasst. Sobald ein Kampf beginnt wird die Musik aggressiver und passt so auch besser zum eigentlichen Kampf. Der schnelle Wechsel der Musik kann aber auf Dauer auch leicht nerven, besonders wenn in Gebieten mit vielen Monstern alle 30 Sekunden ein Kampf beginnt.

Das eigentliche Highlight im Sound sind aber die russischen Synchronsprecher. Genau, richtig gelesen. Sämtliche Einwohner der Stadt Faria sowie die meisten Bösewichte reden Englisch mit Russischem (oder jedenfalls Ost-Europäischen) Akzent. In Verbindung mit den süssen Anime-Gesichtern scheinen die Stimmen schon unfreiwillig komisch. Wenn dann Prinzessin Miu mit Vater Yggdra über einen drohenden Krieg palavert, dann musste ich einfach lachen. Besonders die Betonung von Vater Yggdra, einfach köstlich! Gewollt oder nicht beabsichtigt, die Einwohner von Faria sind meine heimlichen Helden. Die restliche Synchronisation beschränkt sich auf das Amerikanische Englisch und wurde professionell aufgezeichnet.

Witzig ist auch die Kommunikation der anderen Teammitglieder während der Spieler auf Reisen ist. Die Figuren reden zusammen über den weiteren Verlauf oder geben Geschichten und Anmerkungen zum Besten. In einer Stadt wird aber nur der Anführer der Gruppe dargestellt. Wenn dann die Teammitglieder so schön mit Palavern loslegen, hört der Gamer zwar Stimmen, sieht aber keinen (auch keine toten Leute). Leider werden diese Gespräche nicht mit Untertiteln wiedergeben, sie lassen sich aber jederzeit über die Optionen abschalten.

Mittelmass das überzeugen kann

Nach einer eher ungewöhnlich langen Einführungs- und Eingewöhnungsphase hat mir „White Knight Chronicles 2“ doch sehr viel Spass bereitet. Abgesehen von einigen kleinen Fehlern oder unlogischen Abläufen (ich schiele wieder zum Ausrüstungssystem), konnte ich den Ausflug in die Fantasy-Welt wirklich geniessen. Nach den eher mittelmässigen Wertungen für den ersten Teil, Metascore von 64, haben sich die Entwickler von Level 5 nochmals hinter die Bildschirme gesetzt und die grössten Kritikpunkte ausgebessert. Herausgekommen ist ein wirklich solides RPG dass immer noch mehr Potential für Verbesserungen aufweist. Ich freue mich bereits auf Teil Drei.

Entwickler: Level 5
Publisher: SCEE
Release: erhältlich
Ab 16 Jahren geeignet

Bewertungsskala (1 Stern = schlecht / 5 Sterne = Meisterwerk!)

sterne-35

Wir vergeben solide 3.5 Sterne von möglichen 5 Sternen!

Über Monika Hostettler

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